Abschied von Südamerika

Fast 4 Monate waren wir in Kolumbien. Ja, echt, fast ein viertel Jahr. Für uns genauso unglaublich. Und es war eine tolle Zeit, die ich definitiv nicht missen möchte.

Wir haben viel gesehen und viel gelernt… am Meisten übers Reisen. In Kolumbien ging es mit dem Reisen für mich erst richtig los. Reisen im Sinne von Zeit haben und treiben lassen. Ich weiß jetzt, dass ich nicht der Roadtrip-Typ bin. Ich meine Roadtrip im Sinne von Strecke A über B nach C. Ich bin mehr dieser Typ: fangen wir bei A an und dann kreisen wir erstmal drum rum und fahren dann im Zickzack den Umweg über A1 und A2 und kurz vor B ist es so schön, da bleiben wir bissl. Zu B kommen wir – aber erst Wochen später weil ich in der Zwischenzeit eine Einladung für Y erhalten hab und dort noch W und Z anschaun mag. Zu C komme ich überhaupt nicht. Aber das macht nix, weil ich auch nicht damit gerechnet habe, überhaupt irgendwo anzukommen. Spontan abbiegen und schaun, wo man landet, im Urlaub ist keine Zeit dafür, beim Reisen schon.

Klingt super, aber ist zusammen mit der Idee die Panamerikana zu fahren – und zwar in einem Jahr – unmöglich. Würde heute Martin zu mir sagen: “Roadtrip durch 8 oder 9 Länder in 12 Monaten?” Ich würde sagen nein, maximal drei Länder. Die Qualität liegt darin, Zeit für eine Menge Umwege zu haben. Für mich. Ich bin aber auch keine Motorradfahrerin und eben anscheinend kein RoadtripTyp. Wer weiß das schon – bevor man keinen Roadtrip gemacht hat auf jeden Fall nicht! Und nach 2 oder 3 Monaten weiß man es auch noch nicht. Dann tritt erst langsam ein Langzeitreisetempo zu Tage. Und das ist für jeden anders. Manche können in einem Jahr die ganze Welt machen, andere sind seit 5 Jahren unterwegs und sind von Ushuaia aus gerade mal nach Kolumbien gekommen. Ich bin also irgendwas dazwischen, Tendenz zu letzterem. Martin ist mehr der Roadtriptyp, aber mit Tendenz zu Pausen. Warum wir trotzdem Spaß in Amerika hatten: weil wir beide genießen können und im richtigen Moment auch mal diskutieren, um eine Lösung zu finden, die für beide passt. Ein Grund, warum wir uns nach 40 Wochen immer noch freuen, gemeinsam zu zweit unterwegs zu sein.

So… und nun soll ich also Kolumbien verlassen, nach NewYork fliegen und dann nach Europa? Gefühlt zwei bis drei Monate zu früh. Ich war mit Südamerika noch nicht fertig, wäre gern in dem langsamen Tempo noch bis Lima weitergefahren. Dass ich traurig bin ist ok, Martin war auch traurig als er realisiert hat nicht nach Patagonien zu kommen. Bei jedem Abschied von einem schönen Ort und lieben Menschen ist man etwas traurig. Wie eben auch eine ganz liebe schweizer Reisende meinte: “Zu Reisen bedeutet viele schöne Begegnungen haben – aber auch viele Abschiede”.

Der Abschied von Kolumbien war trauriger als gedacht.

Dass ich dann eine Minute später aufgelöst und mit Tränen in den Augen das Flugzeug besteig, hat mich selbst bissl überrascht. Für mich war es emotional nicht nur ein schwerer Abschied von Südamerika, sondern auch das Ende der DefenderReise in Amerika. Ich war innerlich leer und traurig, weil ich noch nicht weg wollte.

In Orlando reisen wir wieder offiziell in die USA ein. Unsere geschickten Dokumente sind wohl angekommen und unsere Ausreise im Dezember dokumentiert. Martin muss aber Drogentest machen und ich schmuggle eine große gefundene Samenkugel erfolgreich ein. Bei einer zweiten zufälligen und nicht erwarteten Kontrolle werd ich aber schon nervös, als gefragt wird, was das ist. Ich erkläre es sei ein Musikinstrument (Samen einzuführen ist verboten), die gäbe es auch bemalt, aber das ist das Original. Ob ich es gekauft habe… ja, auf einem Markt (ich hab ja keine Rechnung). Ob ich Musik mache? Nein, aber mein Bruder! (das stimmt) Ok… puh! Gut, dass er die Tüte nicht geöffnet hat, es fallen nämlich durch ein Loch Samen raus.

Und dann der Kulturschock in Orlando am Flughafen beim Umsteigen! Wo sind die hübsch zurechtgemachten und schicken Kolumbianerinnen hin? Die vermisse ich wirklich. Wir sehen nur noch Jogginghosen und Schlabbershirts. Jeder Apfel ist einzeln in Plastik gehüllt und „hallo“ FastFood und ExpressSpa.

Ich will zurück!

Zum ersten mal seit Monaten dürfen wir das Toilettenpapier wieder in die Toilette werfen. Eine interessante Erfahrung und anfangs ist man versucht wie gewohnt den Mülleimer dafür zu suchen. Der Strom fällt nicht aus, das Internet funktioniert und die Ankunft von Metros wird in Sekunden angezeigt. Zurück in der Zivilisation, die wir gewohnt sind. Was „normal“ ist kann man in Frage stellen. Dass wir uns im Sommer auf Daheim freuen ist keine Frage. Es geht hier aber um Reiseerfahrungen.

Ich vermisse Kolumbien… bis ich im Haus unserer Gastgeber in NewJersey in der Nähe von NewYork ankomme! In jeder Ecke ein Teil aus Südamerika, hier ein Foto von Villa de Leyva und dort eine Tasche der Wayuu. Dazu immer ein paar Worte spanisch und eine herzliche Umarmung. Ein perfekter sanfter Übergang in einem wunderbaren Haus mit Garten, der ähnlich wie meiner mit Liebe und etwas Chaos gestaltet ist. Und es hängen Tonwindspiele aus Raquira rum… ich bin noch nicht ganz da, aber auch nicht ganz weg von Kolumbien.

Da war es wieder, das Glück der Begegnungen: Eine zufällige zweite Begegnung in Kolumbien – dadurch ein kurzes neues Kennenlernen – ein gutes Gefühl und eine Einladung – und dann stehen wir ein paar Wochen später vor einer fremden Haustür!

Verbringen mit Elena und Robert zusammen eine superschöne Zeit, reden viel über Kolumbien und Kunst, lachen über unsere Gemeinsamkeiten und kommen nach unzähligen NewYork Besuchen jedesmal “heim”.

Und es wird wieder ein schwerer Abschied werden… das ist klar, aber no “trist” no fun!

Nun sind wir tatsächlich ganz nah an NewYork City und nur noch 6 Stunden von Falling Water weg.